Soziale Ungleichheit bekämpfen
Spannungsfeld zwischen der Potentialhebung im Sozialraum und finanziellen Herausforderungen im sozialen Bereich war Thema beim Besuch des haushaltspolitischen Sprechers der SPD-Fraktion im Bundestag im AWO Haus der Generationen in Neuwied
Neuwied. Am 4. August 2026 trafen sich Vertreter*innen der AWO Rheinland mit Michael Groß, dem Präsidiumsvorsitzenden des AWO Bundesverbandes, sowie mit Dr. Thorsten Rudolph, dem haushaltspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzenden der SPD Koblenz, um sich auszutauschen. Der Besuch stand im Zeichen der AWO Sommertour, die sich dem Thema „Soziale Ungleichheit bekämpfen“ widmet. Die massiven Kürzungen im Sozialbereich erhöhen nicht nur den Druck auf die Träger im Land und auf die Menschen, die Hilfe benötigen, enorm. Steigende Lebenshaltungskosten, wachsende Vermögensunterschiede und politische Sparmaßnahmen verschärfen die Lebenslagen vieler Menschen. Die daraus entstehenden Ungleichbehandlungen haben spürbare Folgen für den sozialen Zusammenhalt und sie gefährden auch die Demokratie im Land.
Im AWO Haus der Generationen sind verschiedene Leistungsangebote unter einem Dach vereint. Zu den Diensten für Menschen vor Ort zählen ein Seniorenzentrum mit starker Quartiersarbeit, eine Kindertagesstätte und eine Migrationsberatungsstelle. Dank der engen Verzahnung der Beratungsstelle mit den anderen Diensten im Haus konnten beispielsweise Menschen mit Migrationsgeschichte bereits erfolgreich in einen Arbeitsplatz in der Pflege vermittelt werden. Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Der generationsübergreifende Gedanke des Hauses zeigt die gelebte Wertekultur der AWO, machte es aber auch möglich, dass Synergieeffekte in der Betreuung, Versorgung und Unterstützung der unterschiedlichen Zielgruppen der AWO gehoben werden können.
Eva Neef, Geschäftsbereichsleitung Soziale Dienste und Verbandsarbeit, wies im Gespräch jedoch auch darauf hin, dass die finanziellen und ressourcenseitigen Herausforderungen im Sozialwesen am Standort Neuwied aufgrund der Vielfalt der Angebote im Haus noch deutlicher zutage treten.
Die Mitarbeitenden des Fachbereichs Migration und Interkulturelle Öffnung haben zunehmend Sorgen um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Um Kosten einzusparen, hat die AWO bereits einige Maßnahmen ergriffen, beispielsweise die räumliche Verlagerung von Beratungsstellen in AWO Einrichtungen, wie in Neuwied geschehen. Allerdings sind diese Maßnahmen keinesfalls ausreichend, um die hohen Kosten aus eigener Kraft stemmen zu können. AWO-Präsident Michael Groß betonte: „Es ist unsachlich, zu fordern, dass Menschen mit Migrationsgeschichte nur so kurz wie unbedingt nötig beraten und unterstützt werden sollten. Gerade die Personen, die längerfristig die Beratung und Unterstützung durch die AWO erfahren, kommen gut in Deutschland an und können sich nachhaltig integrieren.“
Darüber hinaus führt die AWO seit geraumer Zeit Verhandlungen, um eine auskömmliche Refinanzierung der beiden Kitas „Haus der Generationen“ und „Am Schloßpark“ im Rahmen der Kita Übergangsvereinbarung zu erreichen. Bisher ist dies noch nicht gelungen. „Die gemeinnützigen Angebote der Freien Wohlfahrtspflege sind für eine plurale Angebotslandschaft vor Ort unentbehrlich und dürfen nicht gefährdet werden“, so Eva Neef, Geschäftsbereichsleitung Soziale Dienste und Verbandsarbeit im Gespräch.
In Bezug auf die Situation in der Altenhilfe erläuterte Karl-Werner Strohe, die Einrichtungsleitung des Seniorenzentrums, dass der Kostendruck im Bereich der stationären Altenhilfe weiter zunimmt. Die Kosten für die Betroffenen steigen, Anträge auf Zuzahlung durch die Pflegekassen oder auf Kostenübernahme durch die Sozialhilfeträger sind für viele Antragsteller*innen oft zu kompliziert und die Prüfzeiten der Anträge liegen im Schnitt zwischen drei und sechs Monaten. Mit der immer kürzeren Verweildauer von Bewohner*innen in der stationären Altenhilfeeinrichtung ist ein Bewohner bzw. eine Bewohnerin bis zur Freigabe der Kosten nicht selten bereits verstorben. „Einrichtungen gehen im Sinne der Versorgungssicherheit und des Auftrags der AWO in Vorleistung und laufen dann dem Geld hinterher“, so Strohe. Ein Zustand, der so nicht bleiben kann. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Versorgung hochaltriger Menschen ist die Klimatisierung der Einrichtungen, die in Hitzeperioden umso wichtiger ist. Die AWO fordert hier entsprechende bundesweite Förderprogramme oder eine bessere Ausgestaltung der Investitionskostenpauschalen. „Es kann nicht sein, dass Menschen aufgrund der Hitze versterben“, so Karl-Werner Strohe.
Dr. Thorsten Rudolph zeigte sich während des Besuchs beeindruckt vom Konzept und machte den politischen Auftrag deutlich. „Das Haus der Generationen zeigt, wie innovativ die soziale Arbeit der AWO Rheinland aufgestellt ist. Durch das Zusammenwirken verschiedener Dienste von der Pflege bis zur Migrationsberatung werden Synergien gehoben und das Quartier gestärkt. Es ist Aufgabe der Politik auf allen Ebenen, soziale Infrastruktur zukunftsfähig auszustatten. Denn Investitionen in das soziale Netz rechnen sich – für die Betroffenen und die gesamte Gesellschaft“, so Rudolph im Gespräch mit den Vertreter*innen der AWO Rheinland.
Gruppenbild im AWO Haus der Generationen | Fotografin: Frauke Heyer | AWO Rheinland


